Jedes Strickstück beginnt mit derselben Frage: Wie kommen die ersten Maschen überhaupt auf die Nadel? Der Maschenanschlag ist die Grundlage von allem – und gleichzeitig die Stelle, an der viele Anfängerinnen zum ersten Mal ins Stocken geraten. Dabei ist er weniger kompliziert, als er aussieht. Du brauchst keine zehn Techniken auf einmal. Du brauchst einen verlässlichen Anschlag, den du im Schlaf beherrschst – und ein paar Spezialisten für die Fälle, in denen es darauf ankommt.

In diesem Guide gehen wir die wichtigsten Anschlagarten durch: was sie auszeichnet, wann du sie brauchst und welche du dir als Erstes draufschaffen solltest. Am Ende weißt du genau, welche Kante zu welchem Projekt passt.

Warum der Anschlag so wichtig ist

Die Anschlagkante ist nicht nur „der Anfang" – sie bestimmt, wie sich der untere Rand deines Strickstücks später verhält. Ein zu fest angeschlagener Bündchenrand an Mütze oder Socke schnürt ein und lässt sich kaum über den Kopf oder die Ferse ziehen. Ein zu lockerer Anschlag franst optisch aus und gibt dem Stück keinen Halt. Und ein Anschlag, der nicht zum Muster passt, sieht selbst bei sauberer Arbeit unruhig aus.

Drei Eigenschaften entscheiden:

  • Elastizität – Wie stark dehnt sich die Kante? Wichtig überall dort, wo etwas gedehnt werden muss (Bündchen, Halsausschnitt, Sockenschaft).
  • Stabilität – Wie fest und formgebend ist die Kante? Gefragt bei Taschen, Knopflöchern oder dort, wo nichts nachgeben soll.
  • Optik – Passt die Kante zum Folgemuster? Eine runde, „industrielle" Kante wirkt anders als eine schlichte Knötchenkante.

Die gute Nachricht: Für die allermeisten Projekte reicht ein einziger Anschlag völlig aus. Fangen wir mit dem an.

Der Kreuzanschlag: dein Allrounder

Wenn du nur eine einzige Technik lernst, dann diese. Der Kreuzanschlag (auch doppelter Anschlag oder, international, long-tail cast-on) wird mit einem langen Anfangsfaden und dem von der Knäuelseite kommenden Faden gleichzeitig gearbeitet. Daumen und Zeigefinger spannen die beiden Fäden, die Nadel „schöpft" die Maschen.

Was ihn so beliebt macht: Er ist gleichzeitig stabil und moderat elastisch, geht nach etwas Übung sehr zügig von der Hand und bildet zugleich schon die erste Reihe mit. Die Kante ist hübsch, gleichmäßig und für fast alles brauchbar – glatt rechts, kraus rechts, die meisten Bündchen.

Der einzige Haken: Du musst die Fadenlänge vorab abschätzen, weil der Anfangsfaden für alle Maschen reichen muss. Eine bewährte Faustregel ist, das Dreifache der späteren Strickbreite als Anfangsfaden abzumessen – plus ein paar Zentimeter Sicherheit. Wer es genauer mag, schlägt 10 Maschen probehalber an, misst den dafür verbrauchten Faden und rechnet hoch. Reißt der Faden zu früh ab, hilft auch der Trick, von zwei Knäueln gleichzeitig anzuschlagen, sodass die Längenfrage entfällt.

Für den Einstieg ist der Kreuzanschlag die richtige Wahl – und für viele erfahrene Strickerinnen bleibt er der Standard für den Großteil ihrer Projekte.

Der einfache Anschlag: schnell, aber wackelig

Der einfache Anschlag (Schlingen- oder Wickelanschlag, backwards loop) ist die simpelste Methode überhaupt: Du legst eine Schlinge nach der anderen über die Nadel. Mehr ist es nicht.

So praktisch das klingt – als Anschlag für ein ganzes Projekt taugt er wenig. Die Maschen sind locker, ungleichmäßig und schwer zu bestricken, weil sich der Faden beim Stricken der ersten Reihe leicht zusammenzieht. Seine eigentliche Stärke liegt woanders: Wenn du mitten im Stück neue Maschen aufnehmen musst – etwa für ein Knopfloch, einen Ärmelansatz oder den Daumensteg bei Handschuhen –, ist der einfache Anschlag schnell und unkompliziert. Als Solo-Technik für den Projektstart würde ich ihn aber nicht empfehlen.

Anschlag mit zwei Nadeln (strickender Anschlag)

Beim strickenden Anschlag (Anschlag mit zwei Nadeln, knitted-on cast-on) strickst du quasi die neuen Maschen aus den vorhandenen heraus und legst sie zurück auf die linke Nadel. Wer schon rechte Maschen stricken kann, hat die Bewegung sofort drin – das macht ihn zu einem sehr anfängerfreundlichen Einstieg, weil du keine zweite, fremde Handhaltung lernen musst.

Die Kante ist etwas lockerer und weniger definiert als beim Kreuzanschlag, und der Anschlag dauert länger. Dafür musst du keine Fadenlänge abschätzen. Eng verwandt ist der Zopfanschlag, den wir uns als Nächstes ansehen.

Der Zopfanschlag: feste, saubere Kante

Der Zopfanschlag (Knötchenanschlag, cable cast-on) funktioniert ähnlich wie der strickende Anschlag, nur stichst du für jede neue Masche zwischen die beiden zuletzt angeschlagenen Maschen ein. Das ergibt eine schöne, geseilte Kante, die deutlich fester und stabiler ist.

Genau diese Festigkeit ist Stärke und Grenze zugleich: Für Ränder, die Form geben sollen, für Knopflöcher oder für Taschen ist der Zopfanschlag ideal. Für stark gedehnte Bündchen an Socken oder Mützen ist er dagegen zu unelastisch – die Kante gibt schlicht zu wenig nach. Wenn du also eine feste, ordentliche Kante brauchst, ist er erste Wahl; wenn es elastisch werden muss, blätterst du eine Technik weiter.

Der italienische Anschlag: unsichtbar und elastisch

Der italienische Anschlag (tubular cast-on) ist die Königsklasse für Rippenbündchen. Er erzeugt eine runde, weiche, dehnbare Kante, die fließend ins Rippenmuster übergeht – ohne sichtbaren Abschluss, fast wie bei industriell gefertigter Strickware. Genau dieser saubere, professionelle Look macht ihn so beliebt für die Bündchen von Pullovern, Strickjacken, Mützen und Socken.

Dafür ist er aufwendiger: Er wird oft mit einem Hilfsfaden und mehreren Vorbereitungsreihen gearbeitet und braucht beim ersten Mal etwas Geduld. Ich würde ihn nicht als allerersten Anschlag lernen, aber sobald der Kreuzanschlag sitzt, lohnt sich der Schritt – die elastische, schöne Kante ist den Aufwand wert. Er gilt zu Recht als fortgeschrittene Technik, ist aber gut machbar, wenn du dir für den ersten Versuch Zeit nimmst.

Der altdeutsche Anschlag: dehnbar für Socken & Co.

Der altdeutsche Anschlag (gedrehter deutscher Anschlag, German twisted cast-on) ist eine elastischere Variante des Kreuzanschlags: Die Bewegung ist sehr ähnlich, der Faden wird aber zusätzlich verschlungen, sodass jede Masche etwas mehr Spielraum bekommt. Das Ergebnis ist eine deutlich dehnbarere Kante, die trotzdem stabil bleibt.

Das macht ihn zur klassischen Wahl für alles, was über eine Ferse, einen Kopf oder eine Hand gezogen wird – Sockenschäfte (besonders bei von oben gestrickten Cuff-down-Socken, wo das Bündchen angeschlagen wird), Mützenränder und Stulpen. Wer den Kreuzanschlag beherrscht, lernt ihn meist schnell dazu und hat damit eine elastische Alternative griffbereit, ohne gleich den ganzen italienischen Anschlag aufzufahren.

Der provisorische Anschlag

Eine kurze Erwähnung verdient der provisorische Anschlag (provisional cast-on): Hier schlägst du die Maschen mit einem Hilfsfaden (oft mit Häkelnadel) an, sodass du die Kante später wieder öffnen und „lebende" Maschen herausziehen kannst. Gebraucht wird das zum Beispiel, wenn du in beide Richtungen weiterstricken willst, einen nahtlosen Saum planst oder den Anfang später in den italienischen Abschluss überführst. Für den Alltag brauchst du ihn selten – aber es ist gut zu wissen, dass es ihn gibt, falls eine Anleitung ihn verlangt.

Welcher Anschlag für welches Projekt?

Du musst nicht alles auf einmal können. Diese grobe Orientierung deckt fast alles ab:

  • Dein erstes Projekt, Schal, glatt/kraus rechts: Kreuzanschlag.
  • Bündchen mit professioneller, elastischer Kante: italienischer Anschlag.
  • Sockenschaft, Mützenrand, alles stark Gedehnte: altdeutscher Anschlag (oder italienischer).
  • Feste Kante, Knopfloch, Tasche: Zopfanschlag.
  • Maschen mitten im Stück aufnehmen: einfacher Anschlag.
  • Kante soll später wieder geöffnet werden: provisorischer Anschlag.

Mein Rat: Lern zuerst den Kreuzanschlag richtig sauber. Sobald der sitzt, kommt als Erweiterung der altdeutsche Anschlag (für Elastizität) und irgendwann der italienische (für die schöne Bündchenkante) dazu. Mit diesen dreien deckst du den allergrößten Teil aller Anleitungen ab.

Womit übt man am besten?

So banal es klingt: Das Garn macht beim Anschlagen-Lernen einen großen Unterschied. Mit dünnem, glattem oder gespaltenem Garn siehst du deine Maschen schlecht und verlierst schnell die Geduld. Ideal zum Üben ist ein glattes, mehrfädiges Garn in heller, einfarbiger Ausführung und mittlerer Stärke – da erkennst du jede Schlinge, und Fehler fallen sofort auf.

Ein guter Kandidat ist Sandnes Peer Gynt: ein klassisches, fest gezwirntes DK-Garn aus 100 % norwegischer Schurwolle, das die Maschen schön definiert zeigt und nicht splittert. Es ist günstig genug, um ohne schlechtes Gewissen ein paar Anschlag-Versuche zu „verbrauchen", und liegt in vielen ruhigen, einfarbigen Tönen vor – perfekt, um Struktur zu erkennen. Etwas dicker und besonders gutmütig ist Malabrigo Rios, ein weiches Worsted-Merino mit vierfädiger, formstabiler Konstruktion: Die etwas größeren Maschen machen die Bewegungen beim Anschlag gut sichtbar, und weil es superwash ist, übersteht dein Übungslappen auch die Wäsche.

Wenn du stöbern willst, findest du passende Garne in den Kollektionen DK und Worsted oder, nach Material sortiert, bei Merino und Schurwolle. Fürs erste Üben gilt: lieber etwas dicker und glatt als dünn und flauschig.

Welche Nadel dazu passt, hängt vom Garn ab – eine Orientierung gibt die Banderole, mehr dazu im Stricknadeln-Guide. Und wenn dir in Anleitungen Abkürzungen rund um den Anschlag begegnen, hilft dir der Artikel zum Strickanleitungen lesen weiter.

Häufige Stolperfallen

Ein paar Dinge, die fast allen am Anfang passieren – und leicht zu vermeiden sind:

  • Zu fest angeschlagen. Der häufigste Fehler. Wenn die erste Reihe kaum zu stricken ist, schlag lockerer an oder nimm für den Anschlag eine Nadel eine halbe bis ganze Stärke dicker und wechsle dann zur regulären Nadel.
  • Fadenlänge verschätzt. Beim Kreuzanschlag großzügig messen (Dreifache der Breite) oder gleich von zwei Knäueln anschlagen.
  • Anschlag passt nicht zum Muster. Eine feste Zopfkante unter einem dehnbaren Rippenbündchen wirkt wie eine Bremse. Denk den Anschlag vom fertigen Rand her.
  • Maschen verzählt. Nach dem Anschlag einmal in Ruhe nachzählen, bevor die erste Reihe startet – das spart später viel Frust. Warum sich solche kleinen Kontrollen lohnen, zeigt auch unser Plädoyer für die Maschenprobe.

Fazit

Der Maschenanschlag wirkt am Anfang wie eine Hürde, ist aber vor allem eine Frage der Wiederholung. Lern den Kreuzanschlag, bis er sitzt – damit kommst du durch fast jedes Projekt. Wenn du dann merkst, dass ein Bündchen elastischer oder eine Kante fester sein soll, holst du dir gezielt den passenden Spezialisten dazu. So baust du dir Stück für Stück ein kleines Repertoire auf, ohne dich zu verzetteln.

Schnapp dir ein glattes, helles Garn, eine passende Nadel und schlag einfach ein paar Mal an. Nach dem dritten Versuch fühlt sich der vorhin noch knifflige Kreuzanschlag plötzlich völlig selbstverständlich an – und der Rest ist nur noch Stricken.

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